Tunnelspiele und der Mechanismus hinter Schärfe

Tunnelspiele, eine weitere Spielart des BDSM, durchaus kombiniert mit Schmerzen und dem Gefühl, dass etwas nicht mehr endet und für den Moment durchgezogen werden muss. Tunnelspiele haben ihren Namen, weil sie wie ein Tunnel durchschritten werden müssen, um beendet zu werden. Es gibt (nahezu) keine Möglichkeiten, das Spiel zu stoppen, egal, wie sehr die Beteiligten das in diesem Moment möchten, was ich später nochmal ein wenig ausführlicher erklären werde. Um es vielleicht mit etwas Positivem zu verbinden, einen Orgasmus mitten drin vollständig abzubrechen ist auch schwierig bis unmöglich. Oder ein Auto innerhalb von Millisekunden von 150 auf 0 km/h abzubremsen. Oder beim Nachhauseweg direkt zuhause sein anstatt zu laufen.
Was ich nun tun möchte, ist einerseits ein klein wenig über meine eigene Erfahrung in diesem Bereich etwas einzuwerfen, aber viel mehr möchte ich über die eigentlichen Wirkungsmechanismen schreiben.

Tunnelspiele laufen zumeist mit verschiedenen Substanzen ab. Klassischerweise kommt mir dabei Ingwer als Mittel für meine vaginalen Schleimhäute in den Sinn, einfach, weil das das Erste war, was ich ausprobiert habe. Brennende oder scharfe Substanzen sind dabei naheliegend. Allerdings gehören für mich auch Substanzen dazu, die eine betäubende Wirkung haben, denn auch diese Wirkung kann nicht einfach so beendet werden. Tatsächlich bin ich aber sonst ein ziemliches Weichei, was Schärfe angeht, sowohl oral als auch vaginal. Ich vermute, ich könnte sogar Tunnelspiele mit Paprika Edelsüß spielen und dabei noch ein wenig ein Brennen spüren. Ich könnte mich vermutlich durch verschiedene Verdünnungsreihen testen. Damit bin ich eigentlich schon mitten im Thema, denn ich möchte etwas über das, was die Schärfe auslöst, schreiben. Thematisches Wissen? Ich oute mich mal als Studentin in einem dafür durchaus relevanten, naturwissenschaftlichen Bereich.

Fangen wir erstmal bei der Mundschleimhaut an. Das ist der Teil des Körpers, mit dem Menschen in einer gewissen Häufigkeit Schärfe aufnehmen, es geht ums Essen. Schärfe ist kein Geschmack im eigentlichen Sinne, sondern Schmerz. Der Reiz wird über einen Schmerzrezeptor verarbeitet. Eines der Molekül, das diesen Reiz aktiviert, ist Capsaicin, lustigerweise ein Vanillylamid (fast wie Vanilla, pun intended) einer Fettsäure. Gleichzeitig sind diese Rezeptoren an einem Hitzereiz beteiligt, deswegen fühlt es sich nach warm-schmerzhaft an. Enthalten ist dieser Stoff in Chilis und in geringen Mengen auch in Paprika. Gemessen wird der Gehalt an Capsaicin unüblicherweise nicht in (Masse-)Konzentrationen, sondern in Scoville. Das Messverfahren war etwas subjektiv. Probanden haben so lange eine Lösung erhalten, die immer weiter verdünnt wurde, bis sie keine Schärfe mehr schmecken konnten. Dabei handelt es sich dann um eine Lösung mit 0 Scoville. 1 Scoville müsste mit 1 mL Wasser verdünnt werden, bis keine Schärfe mehr feststellbar ist. Mittlerweile erfolgt die Bestimmung von Capsaicin in verschiedenen Sorten mittels HPLC, ein Verfahren, dessen Rahmen diesen Beitrag sprengen würde. Es ist jedenfalls ziemlich genau und der persönliche Arbeitsaufwand ist recht gering im Vergleich zum finanziellen Aufwand. HPLC kann allerdings keine Ergebnisse in Scoville liefern, sondern liefert Ergebnisse, wie viel Capsaicin in der zugegebenen Lösung enthalten ist. Daraus lässt sich eine Konzentration berechnen, die sich in Scoville umrechnen lässt. Die Scoville-Skala reicht von 0 für keine Schärfe bis 16000000 für reines Capsaicin. Tabasco liegt bei etwa 2500 bis 5000, Cayennepfeffer haut schon mit 30000 bis 50000 rein, Pfefferspray landet bei 100000 bis 200000.

So viel zur kurzen Einführung in die Welt des Capsaicins. Angenommen, man nimmt nun eine Sauce mit 2000 Scoville. Es wären noch immer zwei Liter, bis man keine Schärfe mehr spürt für einen Milliliter Sauce. Im Bereich der Schleimhäute erfolgt eine recht schnell Absorption. Gibt man also einen Milliliter auf beispielsweise vaginale Schleimhäute, lässt sich das alles andere als einfach neutralisieren, zumal diese Schleimhäute sowie nochmal besser absorbieren als die Mundschleimhaut. Ich gehe so weit zu sagen, dass es gar nicht vollständig zu neutralisieren ist. Insofern müssen Tunnelspiele beendet werden, bis eben der körperliche Reiz nachlässt. Relativ oft wird zu Quark oder Milch sowie weiteren Milchprodukten zur Milderung geraten. Das ist möglich, weil Capsaicin fettlöslich ist. Allerdings schwächt es den Effekt nicht vollständig ab. Eine vollständige Abschwächung wäre nur möglich, indem die entsprechenden Rezeptoren des Nervensystems entsprechend manipuliert werden würden. Mit üblichen Schmerzmitteln in Tablettenform ist die Wirkung zu verzögert und der Körper ist dann sowieso schon fertig mit dem Verarbeiten des Reizes. Was vielleicht möglich wäre, wäre eine direkt verabreichte Betäubung mit allen Risiken, die solch ein Schmerzmittel und solch eine Verabreichung haben kann. Und mit Verlaub, ich traue es vielleicht einem geübten Arzt zu, solch eine Betäubung durchzuführen, wenn die Wirkung überhaupt schnell genug eintreten kann. Dazu kommen noch alle möglichen Nebenwirkungen, die ein entsprechendes Schmerzmittel haben kann, alle Nebenwirkungen, die bei einer entsprechenden Verabreichung auftreten können. Selbst, wenn ein entsprechender Arzt direkt neben mir wohnen und gerade mit entsprechendem Schmerzmittel verfügbar wäre, könnte es nicht sofort beendet werden, sondern bräuchte eben eine entsprechende Durchführungszeit. Vermutlich wäre man mit Milchprodukten besser bedient, auch, wenn diese nicht vollständig abschwächen.
Übrigens, Capsaicin hat relativ wenig langfristige Nebenwirkungen, die auftreten können. Insofern ist Capsaicin relativ ungefährlich. Wenn der Schmerzreiz vorbei ist, ist er vorbei. Nach mehreren Anwendungen kann eine Gewöhnung auftreten.

Die Wirkstoffe des Ingwers sind übrigens Gingerol und 6-Shoagol, was aber das eigentliche Tunnelspiel angeht, gilt Ähnliches wie für Capsaicin. Es reizt die Schleimhaut lokal und verursacht so einen wärmenden Schmerzreiz mit relativ wenig langfristigen Nebenwirkungen, akut kann es sehr schmerzhaft werden. Insofern sind je nachdem Verdünnungsreihen durchaus sinnvoll. Dabei muss man allerdings aufpassen, dass die Sauce sich nicht einfach nur in kleine Stückchen auflöst. Das habe ich vor kurzem ausprobieren wollen und es hat sich nicht wirklich gelöst. Capsaicin ist jetzt auch nicht der Stoff, der sich gut in Wasser löst, weswegen Ethanol vielleicht von dem Aspekt der Löslichkeit her besser geeignet wäre, nahezu reiner Ethanol im Bereich von solchen stark absorbierenden Schleimhäuten ist allerdings deutlich gefährlicher als eine größere Konzentration von Capsaicin.

Tunnelspiele mit Betäubungen hingegen sind noch deutlich schwieriger umzukehren, auch dabei hilft eigentlich nur ein Abwarten. Zudem sind die hier verwendeten Substanzen tendenziell risikoreicher als Capsaicin. Mich reizt allerdings tatsächlich der Gedanke, mit solch einem Stoff gewissermaßen einen (steifen) Penis zu betäuben und mich dann zu vergnügen. Ist halt auch irgendwie die Frage, inwiefern das realistisch ist und nicht zu risikoreich. Aktuell sehe ich mich ehrlich gesagt noch nicht in der Lage, das entsprechend durchzuführen.

Wichtig ist in jedem Fall, dass das Abbrechen eines Tunnelspiels nicht wirklich funktioniert, selbst, wenn gerade alle Beteiligten dies wollen. Eine körperliche Reaktion lässt sich nur schwer bis gar nicht aufhalten. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass eine dominante Person kein Einvernehmen verletzt, wenn es der Person, die entsprechende Substanzen auf ihren Schleimhäuten aufgetragen hat, zu viel wird. Wenn ich was zu Scharfes esse, dann will ich auch, dass das Brennen aufhört und in aller Regel will das die Person, die das Essen gemacht hat, auch. Aber einmal in meinem Mund ist es quasi nicht mehr aufzuhalten. Eine körperliche Reaktion ist nicht an Einverständnis gebunden. Natürlich heißt das nicht, dass in so einem Fall weiter gespielt wird. In solch einem Fall wird das sonstige Spiel abgebrochen und in einer Situation, die ich unter Kontrolle habe, würde ich mein Bestes tun, damit es der leidenden Person besser geht, auch wenn ich das Leiden an sich nicht beenden kann, weil es schlicht und ergreifend biochemisch kaum und realistisch betrachtet (nahezu) gar nicht möglich ist.

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